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Humboldt-Universität zu Berlin    ·    Nordeuropa-Institut
Forschungsgruppe Nordeuropäische Politik e.V.
Research Group for Northern European Politics
Ostseegespräche 2010



14. Dezember  

Tobias Etzold
Live and let die: Ostseerat, Nordischer Rat und Nordischer Ministerrat nach den EU-Erweiterungen

 OBS !  Raumänderung: Das Gespräche findet in Raum 3.246 im 2. Stock statt. 

Durch die Aufnahme von vier weiteren Anrainerstaaten wurde die EU 2004 zu einem stärkeren Akteur in der Ostseeregion. Gleichzeitig wurde regionale Zusammenarbeit in separaten Institutionen außerhalb der EU zunehmend in Frage gestellt, Organisationen wie der Ostseerat schienen ihren ursprünglichen Zweck erfüllt zu haben. Allerdings existiert der Ostseerat ebenso wie der Nordische Rat und der Nordische Ministerrat nach wie vor, wenn auch mit teilweise geringer politischer Bedeutung.
Das Ostseegespräch thematisiert die Frage, wie internationale Organisationen sich an neue Gegebenheiten in ihrer externen Umgebung sowie neue institutionelle Rahmenbedingungen anpassen können und von welchen Faktoren ihre Anpassungsfähigkeit und Fortdauer abhängen. Die drei genannten nordeuropäischen Organisationen dienen dabei als Fallstudien. Auf der Basis von entsprechenden relevanten theoretischen Aussagen wurden drei analytische Modelle entwickelt, welche unabhängige Variabeln wie Staateninteresse, Erfolg, zukünftige Aufgaben, gemeinsame Identitäten und Werte sowie weitreichende Reformen enthalten. Neben dem theoretischen, analytischen und methodischen Rahmen der Untersuchung werden die wichtigsten empirischen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen bezüglich der Anpassungsfähigkeit und Zukunftsperspektiven der drei genannten Organisationen vorgestellt und erläutert. Außerdem besteht ausführliche Gelegenheit zur Diskussion.

Tobias Etzold Ph.D., hat vor kurzem seine Promotion in Politikwissenschaften an der Manchester Metropolitan University abgeschlossen. Nach seinem Master in Politikwissenschaft an der Radboud Universität Nijmegen, Niederlande absolvierte er mehrere Praktika bzw. Teilzeitanstellungen u.a. im Sekretariat des Ostseerates in Stockholm, beim Schleswig-Holsteinischen Institut für Friedensforschung (SCHIFF) in Kiel und bei der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin.





09. November  

Raimund Wolfert
Emanzipationspolitik mit dänischem Vorzeichen? Zur Geschichte der Internationalen Homophilen Weltorganisation (1952–1974)

Vor dem Aufkommen der studentisch geprägten Schwulenbewegung Anfang der 1970er Jahre war die Hamburger IHWO die größte Organisation für Homosexuelle im deutschsprachigen Raum. Ihr vorrangiges politisches Ziel war die ersatzlose Streichung des § 175 StGB, welcher männliche Homosexualität unter Strafe stellte. Die IHWO verfügte über ein eigenes Clubzentrum, Regionalgruppen im gesamten Bundesgebiet und gute Kontakte zu Medien und Politik. Des weiteren strebte sie die Zusammenarbeit mit nationalen Organisationen in der Schweiz, den Niederlanden und Dänemark an. Eben dort war die IHWO 1952 gegründet worden. Anders als ihre deutsche Tochterorganisation war die dänische IHWO in den ersten 15 Jahren ihres Bestehens aber vornehmlich eine Verkaufszentrale für homoerotisches Bildmaterial gewesen und keine politisch agierende Bürgerrechtsorganisation, die allerdings weniger radikal als die ihr folgenden Schwulengruppen auftrat. Trotz etlicher Brüche, die nicht nur der skandinavisch-deutschen Sprachgrenze zuzuschreiben sind, gab es aber auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen der Kopenhagener und der Hamburger Gruppierung. Es bleibt zu fragen, ob die deutsche IHWO letztlich auf den "Import" skandinavischer Ideen von Gleichheit und Gleichberechtigung zurückging oder ob sie nicht aus sich selbst heraus entstand und wuchs.

Raimund Wolfert ist Skandinavist und Historiker. Er hat sich mit zahlreichen Fragestellungen des deutsch-skandinavischen Kulturkontaktes sowie der Geschichte der Homosexualität beschäftigt. 2009 hat er im Hamburger Verlag Männerschwarm eine Monographie zur Geschichte der IHWO vorgelegt.





12. Oktober  

Guðmundur Jónsson
Narrating crisis: Icelanders’ experiences of the economic crisis of 2008–2009. A Project report.

The collapse of the financial system of Iceland 2008 and the subsequent economic crisis is a major turning point in modern Icelandic history. The aim of the research project is to examine two facets of the crisis: on the one hand how people have perceived the social and economic impact of the crisis on their everyday lives, on the other hand how the crisis is constructed as a political issue by different groups in society, reflecting on their perceptions about the nature of the preceding period of economic prosperity, the economic crisis and its impact on their ideological and political outlook. The extensive use of interviews will give a rare insight into the daily lives of Icelanders and how they have coped with rapid changes in their economic, political and social environment.

As the project is still going on the lecture will not be able to present any final results. The focus will instead be on the general research questions of the project as well as the theories and the methodology of oral history. Nevertheless some general hypotheses and possible answers will be pointed out.

Guðmundur Jónsson is Professor of History at the University of Iceland. His research fields are economic growth and development since 1870, Iceland in the international economy, Iceland and European integration after 1945, consumption history und history of the welfare state.





21. September  

Dr. Claudia Matthes
Demokratie in Lettland – 20 Jahre nach dem Systemwechsel

Nachdem es Lettland gelungen war, mit Estland aufzuschließen und in der großen Erweiterungsrunde 2004 in die Europäische Union aufgenommen zu werden, ist der Stand der Demokratisierung international nur selten diskutiert worden. 20 Jahre nach der singenden Revolution ist es nun an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen und den Erfolg des Systemwechsels zu untersuchen.

Die Referentin geht in ihrem Vortrag zum einen auf die politischen und institutionellen Veränderungen ein; zum anderen thematisiert sie die wirtschaftspolitischen Reformen sowie die Veränderungen der sozialen Gegebenheiten, um deren Wirkungen auf die politische Entwicklung im Land nachzuzeichnen. Nicht nur das Parteiensystem ist durch starke Instabilität gekennzeichnet, auch der Einfluss einiger Oligarchen auf die lettische Politik ist in den letzten Jahren immer offensiver geworden. Allerdings wehrt sich eine erstarkende Zivilgesellschaft gegen die Instrumentalisierung der Politik durch die Wirtschaft und agiert durchaus als Kontrollinstanz.

Dr. Claudia Matthes ist Politologin und akademische Koordinatorin der internationalen Masterprogramme am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. In wissenschaftlicher Hinsicht beschäftigt sie sich vor allem mit den Transformationsprozessen in Mittel- und Osteuropa, insbesondere in Polen und den baltischen Staaten.





 OBS!  Mittwoch, 14. Juli  

Peer Krumrey
Schweden wählt – welchen Unterschied macht (es für) Europa?

Am 19. September 2010 sind die Schweden aufgerufen, einen neuen Reichstag zu wählen. Die Wahl verspricht aus vielerlei Sicht, äußerst spannend und umkämpft zu werden und ihr ungewisser Ausgang könnte verschiedene Folgen für die Politik des Landes zeitigen. Doch trifft das auch für die Europapolitik zu? Immerhin war die Regierung Reinfeldt 2006 mit dem Anspruch angetreten, "eine aktive und konstruktive Kraft in der Europäischen Union" zu sein, um dem Land so die Zugehörigkeit zum "Kern Europäischer Zusammenarbeit" zu erschließen. Müssten sich Deutschland und die EU im Falle einer Abwahl der bürgerlichen Regierung tatsächlich auf ein weniger engagiertes Schweden einstellen?

Der Vortrag ist eine Momentaufnahme aus einem kleineren Forschungsprojekt, das sich mit der Bedeutung der EU Mitgliedschaft für die politischen Akteure im Land beschäftigt. Die Politik der Regierung Reinfeldt wird vor dem Hintergrund der europapolitischen Ansätze der sozialdemokratischen Vorgängerregierung betrachtet und dann die Frage diskutiert, inwiefern es noch durchsetzbare, unterschiedliche Positionen zur EU bei den Entscheidungsträgern Schwedens gibt bzw. ob die europäische Integration überhaupt eine Rolle im Wahlkampf spielen kann/wird. Da das Projekt gegenwärtig noch nicht abgeschlossen ist, handelt es sich um einen Werkstattbericht, der eher Entwicklungen und Trends denn empirisch belastbare Ergebnisse aufzeigen will.

Peer Krumrey hat an der Humboldt Universität Neuere/Neueste Geschichte, Politikwissenschaften und Skandinavistik studiert. Seit Ende 2008 ist er Junior Researcher und Doktorand im Nordeuropa Projekt der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Seine Schwedenkenntnisse basieren auf einem einjährigen Studienaufenthalt an der Universität Uppsala sowie einer Projektanstellung im Büro für die Nordischen Länder der Friedrich-Ebert Stiftung in Stockholm.




08. Juni  

Daniel Schrödl
Das Image des Nordens. Eine Untersuchung des Nordeuropabildes in Deutschland am Beispiel der Studierenden in Würzburg

Was denken junge Menschen in Deutschland über Norwegen, Dänemark, Schweden und Finnland? Welche Bilder prägen, welche Bilder kommen ihnen in den Kopf? Fjorde, Fisch und Trolle? IKEA, Blondinen, Astrid Lindgren, rote Häuschen? Sauna, Nokia, Mika Häkkinen? Wie unterscheiden sich Bilder und Images der Nordeuropa-Erfahrenen von denen der Nordeuropa-Unerfahrenen? Diesen und weiteren Fragen gingen 32 Studierende der Universität Würzburg unter der Leitung des Geographen Daniel Schrödl in einem kursintegrierten Forschungsprojekt über das Nordeuropabild der Deutschen nach. Es wurden ca. 750 Studierende in Würzburg befragt. Anschließend wurden die erhobenen Daten in Kleingruppen ausgewertet, interpretiert und diskutiert.

Im Ostseegespräch wird die Studie eingehend vorgestellt und eine Diskussion über ihre Ergebnisse angeregt.

Diplom-Geograph Daniel Schrödl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geographie der Universität Würzburg. Er hat u.a. an der Universität Umeå in Nordsschweden studiert und gelehrt sowie mehrfach Exkursionen nach Schweden, Finnland und Norwegen geleitet.



11. Mai  

Dirk Keil, M.A.
Mentale Brücken in neue Regionen: Die deutsch-dänische Fehmarnbeltregion

Zwischen Deutschland und Dänemark entsteht bis zum Jahr 2018 die längste Brücke Europas. Das 19 km lange Bauwerk wird den Fehmarnbelt zwischen der deutschen Insel Fehmarn und der dänischen Insel Lolland überspannen. Beiderseits der Grenze wird man nicht müde zu betonen, dass es neben dieser physischen Brücke aber auch mentale Brücken geben müsse. Ohne diese könne das grenzüberschreitende Zusammenwachsen in einer neuen Fehmarnbeltregion nicht gelingen. Wo aber ist eigentlich diese Region, und wer oder was will da zusammenwachsen?
In seinem Dissertationsprojekt untersucht Dirk Keil von der Universität Roskilde den Einfluss grenzüberschreitender administrativer Netzwerke auf die Entstehung dieser Region. Im Zentrum der Arbeit stehen der Einfluss der jeweiligen nationalen Referenzrahmen deutscher und dänischer Akteure auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und unterschiedlichen Auffassungen hinsichtlich der Substanz der Fehmarnbeltregion. Derzeit konzentriert sich die gemeinsame Arbeit an der Region auf die Schaffung mentaler Brücken zwischen Dänen und Deutschen. Diese manifestiert sich unter anderem im Projekt Kulturbrücke, welches Kultur als einen möglichen Katalysator für regionale Integration begreift.
Im Ostseegespräch stellt Dirk Keil sein Projekt vor. Anschließend wird es die Möglichkeit zu Diskussion geben.

Dirk Keil hat an der Humboldt-Universität zu Berlin Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft studiert und absolvierte anschließend ein Aufbaustudium Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Fortbildungsakademie der Wirtschaft. Nach einer Anstellung als Projektleiter am Heimatmuseum Berlin-Treptow war er von 1999 bis 2006 Leiter des Kulturzentrums und Museums Dominikanerkloster Prenzlau sowie von 2006 bis 2009 Leiter des Reventlow-Museums Pederstrup, Dänemark. Seit 2009 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gesellschaft und Globalisierung der Universität Roskilde, Dänemark.



13. April  

Christin Skiera
Gesetzgebungsabkommen in Dänemark, oder: Wie sichert sich eine Minderheitsregierung ihre Mehrheiten?

Dänemark liefert unter den parlamentarischen Systemen ein gutes Beispiel für die Arbeit von Minderheitsregierungen. Die dänischen Kabinette zwischen 1973 und 2005 verfügten zu 87 % über keine eigene legislative Mehrheit im Folketing. Wie gestaltet sich dann das Regieren?
Eine Antwort auf diese Frage soll dieses Ostseegespräch liefern. Im Mittelpunkt dabei stehen sog. Gesetzgebungsabkommen (auf dänisch "forlig"), die das Kabinett mit einzelnen oder mehreren Oppositionsparteien auf bestimmten Politikfeldern eingeht. Ähnliche mehrheitsbildende Mechanismen sind aus Schweden oder Norwegen schon bekannt. Zu den dänischen Gesetzgebungskoalitionen ist bis jetzt jedoch wenig publiziert, da diese Absprachen weitgehend informell getroffen werden und somit nur gering institutionalisiert sind.
Auf der Basis von neueren Erhebungen kann nun ein näherer Einblick in diese legislativen Koalitionen gewonnen werden. Welche Oppositionsparteien auf welchen Politikfeldern Gesetze mit der Regierung verabschieden und wie beispielsweise die jährlichen Beschlüsse über den Haushalt zustande kommen, sind Fragen, die im Mittelpunkt des Vortrages stehen sollen.

Christin Skiera geb. 1985 in Schwedt/Oder, studiert seit 2005 an der Universität Potsdam Politik- und Verwaltungswissenschaften. 2007-2008 absolvierte sie ein Auslandsjahr an der Universität Aarhus, Dänemark. Die Präsentation zeigt einen Auschschnitt ihrer Diplomarbeit.




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