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Humboldt-Universität zu Berlin    ·    Nordeuropa-Institut
Forschungsgruppe Nordeuropäische Politik e.V.
Research Group for Northern European Politics
Ostseegespräche 2014



09. Dezember

Ostseejahresrückblick

Im Rahmen dieses Ostseejahresrückblicks werden FOR:N-Mitglieder von wichtigen Veranstaltungen in der Region berichten, an denen sie aktiv teilgenommen haben. Dazu gehören das Jahresforum der EU-Ostseestrategie und die Jahrestagung des Baltic Development Forum sowie das Ostsee-NGO-Forum, die allesamt Teil der Ostseewoche in Turku waren. Darüber hinaus stellen die Herausgeber des Political State of the Region Report den diesjährigen Bericht vor, der sich primär mit dem Thema Nachbarschaften und den Implikationen der Ukrainekrise auf die Region auseinandersetzt.

Die anschließende offene Diskussion wird sich den Auswirkungen der Ukrainekrise auf die Region und die sich daraus ergebenden Zukunftsperspektiven insbesondere für die regionale Zusammenarbeit mit Russland, aber auch Fragen der regionalen Governance, widmen.

Im Anschluss an den thematischen Teil lassen wir den Abend mit schwedischem Glögg und Gebäck vorweihnachtlich ausklingen.

Um Anmeldung wird gebeten unter anmeldung[at]for-n[dot]de






11. November

Robert Kessel
Gerichte oder Gesetzgeber: Wer hat in Skandinavien das letzte Wort in Verfassungsfragen?

Anders als in Deutschland gibt es in Skandinavien bis heute keine Verfassungsgerichte, die überprüfen, ob Gesetze verfassungsgemäß sind. Diese Aufgabe wird vielmehr von den Fachgerichten wahrgenommen. Die praktische Bedeutung des richterlichen Prüfungsrechts nordischer Prägung bleibt spürbar hinter dem Einfluss zurück, den die Normenkontrolle durch das Bundesverfassungsgericht hat. Während die Karlsruher Richter in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Gesetze verworfen haben, ist dies in Dänemark und Schweden bis heute nicht vorgekommen. Auch die norwegischen Gericht üben das Prüfungsrecht äußerst zurückhaltend aus. Wie ist dieser Unterschied zu Deutschland zu erklären? Diese Frage war der Ausgangspunkt eines juristischen Dissertationsvorhabens, dessen Ergebnisse im Ostseegespräch vorgestellt werden.

Dr. Robert Kessel war von 2007 bis 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Europarecht und Rechtsvergleichung (Nordosteuropa) der Universität Greifswald. Seit 2013 ist er Rechtsanwalt in Berlin. Sein Forschungsinteresse liegt in Hinblick auf Skandinavien insbesondere im Bereich der Verfassungsvergleichung und der gerichtlichen und außergerichtlichen Konfliktlösung.






14. Oktober

Gunnar þór Bjarnason
Island und der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg hat sich in vielerlei Hinsicht auf Island ausgewirkt, auch wenn er nicht eine so einschneidende Wirkung wie der Zweite Weltkrieg hatte. Bereits 1904 erreichte Island weitgehende Autonomie von Dänemark in inneren Angelegenheiten (Home Rule). Der Krieg untergrub die Verbindung mit Dänemark weiterhin. Am 1. Dezember 1918 wurde Island ein souveräner Staat. Die größte Herausforderung während des Krieges bestand darin, den Import von Lebensmitteln und Treibstoffen zu sichern. Von ausschlaggebender Bedeutung wurden Islands Beziehungen zu England und den USA. Nachdem Deutschland im Februar 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg aufnahm, stand Islands Bevölkerung am Rande einer Hungersnot. Wie in vielen anderen Ländern führten die Kriegsjahre zu schärferen Klassengegensätzen und einer zunehmenden Polarisierung der politischen Kultur. Dies alles und insbesondere die Einstellung der Isländer zum Krieg und zu den kriegführenden Parteien soll im Ostseegespräch aufgegriffen und im Anschluss eingehend diskutiert werden.

Gunnar þór Bjarnason, hat Geschichte und Politik in Reykjavík und Kiel studiert und viele Jahre an isländischen Gymnasien unterrichtet. Er ist zur Zeit Lehrbeauftragter an der Universität Islands. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Bücher zur Geschichte der isländischen Nationalbewegung (2012) und zum Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Island (2008). Zur Zeit arbeitet er an einem Buch über Island im Ersten Weltkrieg.






09. September

Anne Oleischeck
Die EU-Ostseestrategie - Verbesserte Zusammenarbeit durch die Erweiterung der Akteurszahl?

Durch die Osterweiterung der Europäischen Union (EU) im Jahr 2004 ist die Ostsee zu einem EU-Binnenmeer geworden. Um die Kooperation in der Region zu forcieren, schlug die EU eine gemeinsame Strategie für den Ostseeraum vor, welche 2009 durch die Europäische Kommission umgesetzt wurde. Die sogenannte EU-Ostseestrategie verbindet unterschiedliche Politikfelder und integriert lokale, regionale, nationale und supranationale Akteure in Entscheidungs- und Implementierungsprozesse. Darüber hinaus sind verschiedene, ausschließlich im Ostseeraum agierende Organisationen und Netzwerke aktiv an dieser ersten makro-regionalen Strategie der EU beteiligt.
Doch inwiefern hat die EU-Ostseestrategie die länderübergreifende Kooperation im Ostseeraum beeinflusst? Inwieweit ist es bisher gelungen, die Vielzahl von Akteuren innerhalb der Strategie zu integrieren? In diesem Ostseegespräch werden aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt, welche die EU-Ostseestrategie in Hinblick auf multi-level governance Strukturen analysieren. Außerdem soll der im Mai erschienene Vorschlag der Europäischen Kommission zur Verbesserung der governance von makro-regionalen Strategien diskutiert werden.

Anne Oleischeck, studiert seit 2011 European Studies an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Ihr wissenschaftlicher Fokus liegt auf der politischen Kooperation im Ostseeraum im Rahmen der EU. Die Präsentation stellt die Ergebnisse ihrer Masterarbeit vor. Ihr Bachelorstudium in Skandinavistik und Sozialwissenschaften hat sie an der Humboldt-Universität zu Berlin abgeschlossen. 2009-2010 absolvierte sie außerdem ein Auslandsjahr an der Universität Kopenhagen, Dänemark.






Podiumsdiskussion und Workshop


Podiumsdiskussion: Rechtspopulismus in Europa im Jahr der EU-Wahl – Nordeuropa, Ungarn und Deutschland im Vergleich

Montag, 26.05.2014, 18:00 Uhr
Auditorium im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin
Geschwister-Scholl-Straße 3, 10117 Berlin
Die Diskussion findet in deutscher und englischer Sprache statt.

Bei der EU-Wahl vom 22. – 25. Mai gehen rechtspopulistische Parteien quer durch Europa auf Stimmenfang. Warum ist das Phänomen in manchen Ländern stärker ausgeprägt als in anderen? Welche Gefahr geht konkret von rechtspopulistischen und EU-kritischen Parteien für die Zukunft der EU aus? Nimmt die Presse ihre Rolle als "Watchdog" wahr oder trägt sie dazu bei, populistischen Themen Aufwind zu verschaffen?

Es diskutieren:

Dr. Britta Schellenberg (Keynote)– Senior Researcher am Centrum für angewandte Politikforschung an der LMU München
Dr. Kai-Olaf Lang – Forschungsgruppenleiter EU-Integration an der Stiftung Wissenschaft und Politik
Prof. Dr. Kjetil A. Jakobsen – Inhaber der Henrik-Steffens-Gastprofessur am Nordeuropa-Institut, HU Berlin
Prof. Dr. Ann-Cathrine Jungar – Politikwissenschaftlerin an der Hochschule Södertörn in Stockholm
Dr. Andrea Petö – Central European University Budapest, Department of Gender Studies
Peter Wivel – Deutschland-Korrespondent der dänischen Tageszeitung Politiken

Moderation: Clemens Bomsdorf – gebürtiger Kölner, Alumnus von Weltreporter.net und Internationale Journalisten Programme, lebt in Kopenhagen und berichtet als fester Korrespondent für The Wall Street Journal.


Zusätzlich wird ein Workshop für junge Erwachsene angeboten:

Workshop: Salonfähig und trittsicher – Strategien rechtspopulistischer Parteien bei der EU-Wahl 2014

Montag, 26. Mai 2014 | 16.00 – 17.45 Uhr
Nordeuropa-Institut, Dorotheenstr. 24, 10117 Berlin
Raum 3.246, Haus 3, 2. Etage
Anmeldung für den Workshop bis 19. Mai unter: europa2014@kulturhusberlin.de

Partner der Veranstaltung:

Das KULTURHUS BERLIN. Zentrum für nordeuropäische Kultur und Wissenschaft e.V. wurde 2003 gegründet. Der gemeinnützige Verein dient dem Austausch und der Förderung von Kultur, Wissenschaft und Bildung in Deutschland und Nordeuropa.

Die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin ist eine Einrichtung des Landes Berlin im Geschäftsbereich der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Als staatlicher Träger hat sie die Aufgabe, die politische Bildung in Berlin auf pluralistischer Grundlage überparteilich und unabhängig zu unterstützen und zu fördern.

Die Veranstaltung wird unterstützt vom Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, vom Thule Concept Store Berlin sowie von nordic hotels AG.






13. Mai


Reluctant Europeans - Im Norden nichts Neues?

Die Internationalen Journalistenprogramme (IJP), ein unabhängiger und gemeinnütziger Verein, fördern hochqualifizierte Redakteure, Reporter und freie Journalisten aller Medien im Alter von 18 bis 40 Jahre. Die Stipendiaten arbeiten ca. 2 Monate als Gastautoren für ausländische Redaktionen ihrer Wahl und als Korrespondenten für ihre Heimatmedien.Das Deutsch-Nordeuropäische Journalistenstipendienprogramm ist eins von 11 Programmen. Hauptgeldgeber sind die Außenministerien der nordeuropäischen Länder und das Auswärtige Amt.

Drei der insgesamt 5 nordischen Journalisten, die ihr Stipendium in Deutschland absolvieren, kommen am Dienstag dem 13. Mai 2014 zum nächsten Ostseegespräch von FOR:N. Wir freuen uns, Jelena Cabo, von NRK in Norwegen, zu Gast im ARD Hauptstadtstudio, Suvi Turtainen von der Zeitung Helsingin Sanomat in Finnland, zur Zeit bei Der Welt, und Marianne Lentz, freie Journalistin aus Dänemark, die hier bei der Berliner Morgenpost gastiert, begrüßen zu dürfen.

Im Vorfeld der Europawahl möchten wir mit Ihnen über die Europadebatte in ihren Ländern diskutieren. Gibt es neue Entwicklungen und Themen im europapolitischen Diskurs? Wie steht es mit dem sprichwörtlichen Euroskeptizismus in Nordeuropa? Und was machen die Rechten?






08. April

Valeska Henze
Ach du Schreck - Schweden stürzt vom Bildungs-Turm von PISA

Bildung hat im Norden schon lange einen hohen Stellenwert. Bereits die Volksbewegungen betrachteten sie als wichtigen Bestandteil ihrer Demokratisierungsbemühungen. Die Ideologisierung der Bildung als 'Volkserziehung' seit dem 18 Jahrhundert wurde auch im demokratischen Wohlfahrtsstaat fortgesetzt - wenn auch unter anderen Vorzeichen: Nach der Erziehung zum guten Bürger wurde die Schule nun zum verteilungspolitischen Instrument sozialdemokratischer Politik. So begann in den 1940er Jahren unter der Überschrift "Eine Schule für alle" ein breitangelegter Umbau des schwedischen Schulsystems, dessen Ziel es war, allen schwedischen Schülern den gleichen Zugang zu Bildung zu ermöglichen.
2000 beschloss das schwedische Parlament, dass Schweden eine "führende Wissensnation sein [solle], die sich durch eine qualitativ hochwertige Ausbildung und lebenslanges Lernen für Wachstum und Gerechtigkeit auszeichnet." 2013 dann der Schock: Schweden wies von allen Ländern und in allen Feldern der PISA-Untersuchung die größte Verschlechterung der Ergebnisse auf.
Was ist passiert? Die PISA-Ergebnisse hinterlassen große Ratlosigkeit und führen zu ausgedehnten Spekulationen über die Gründe. Dem schwedischen Wahlkampf bescheren sie Feuer, an dem sich die unterschiedlichen 'Schulen' der Bildungsidee wieder einmal heftig entzünden können.

Valeska Henze, Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Uppsala (Schweden), Promotion im Rahmen des deutsch-skandinavischen Forschungsprojekts "Conditions of European Democracy" zu den politischen Kulturen von Schweden und Polen mit Forschungsaufenthalten in Warschau und Örebro. Außerdem freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin.






18. März

WERKSTATTGESPRÄCH

Menschen am Rande der Welt - Ärger im Paradies
Ein Film- und Diskussionsabend mit Ausschnitten der dreiteiligen ARTE/NDR-Dokumentatonsreihe Menschen am Rande der Welt

Humboldt Graduate School der Humboldt-Universität zu Berlin
Festsaal (2. Stock)
Luisenstraße 56, 10117 Berlin

So vielseitig wie die Natur so verschieden sind auch die Menschen im Norden Europas: Walfänger im Westen Grönlands, Bewohner Spitzbergens auf 80° nördlicher Breite und Rentierhirten in Lappland. Eine dreiteilige Dokumentationsreihe des Journalisten Tilmann Bünz zeigt nun einen Teil dieser Vielfalt mit je einer Sendung zu Grönland, Spitzbergen und Lappland, wobei die Menschen dieser Regionen im Mittelpunkt stehen.

Gezeigt werden Ausschnitte aus dem dritten Teil der Serie über Lappland. Anschließend diskutiert Dr. Tobias Etzold mit dem Filmemacher Tilmann Bünz über den Film, die Dreharbeiten, die Begegnungen im Hohen Norden und die Folgen des Erzabbaus - insbesondere für die dort ansässige samische Bevölkerung. Außerdem wird Dr. Fabian Jacobs vom Sorbischen Institut über seine Erfahrungen in Bezug auf die Auswirkungen des Braunkohletagebaus in der Lausitz berichten.

Tilmann Bünz berichtete für die ARD fünf Jahre lang aus Skandinavien und dem Baltikum. Bünz ist Hamburger und träumte schon als Junge davon, einmal nach Schweden zu ziehen. Ein langer Weg mit vielen Stationen: Deutsche Journalistenschule in München, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Amsterdam, Evangelische Akademie Tutzing, Redakteur bei "Tagesschau" und "Tagesthemen", Auslandseinsätze in Tokio, Washington und - immer wieder - in Stockholm.

Dr. Tobias Etzold (Moderation) arbeitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er leitet das Forschungsprojekt "Research Centre Norden" (RENOR) zu deutsch-nordischen Beziehungen und nordischer Zusammenarbeit und beschäftigt sich mit der EU-Politik der nordischen Länder.

Dr. Fabian Jacobs arbeitet als Projektmitarbeiter am Sorbischen Institut in Bautzen. Dort beschäftigt er sich unter anderem mit vergleichender Minderheitenforschung, hat Studien zu den Roma- und Zigeunerkulturen veröffentlicht und war einer der Herausgeber des Gutachtens "Sorbische Identität und Kultur in der Ortslage Proschim (Prozym) mit Karlsfeld".

Der Eintritt ist frei.



Kooperationsveranstaltung mit KULTURHUS BERLIN e.V.




Bericht

18.03.14

Über Samen und Sorben. Rückblick auf den Film- und Diskussionsabend "Menschen am Rande der Welt - Ärger im Paradies"
Bericht von Caroline Frenzel

Was haben diese beiden Bevölkerungsgruppen miteinander zu tun, mag sich der ein oder andere jetzt fragen. Die Antwort lautet: einiges!

Am 18.03.2014 fand in der Humboldt Graduate School ein Werkstattgespräch zum Thema Bergbau und dessen Folgen statt. Dabei ging es sowohl um Lappland im Norden Skandinaviens als auch um die Region, in der die Sorben beheimatet sind - eine Region, die sich in nicht allzu großer Entfernung von Berlin befindet.

Im Rahmen der Filmvorführung der ARTE Dokumentation "Menschen am Rande der Welt" konnten die Podiumsteilnehmer (Tilmann Bünz, Dr. Tobias Etzold und Dr. Fabian Jacobs) und Gäste einen Einblick in die Schönheit der skandinavischen Natur bekommen. Aber eben nicht nur das. Auch der Ärger im Paradies wurde thematisiert.

Begonnen hat der Abend mit dem dritten Teil einer Dokumentationsreihe, die vom NDR und ARTE im Rahmen "Länder Menschen Abenteuer" gezeigt wird. Der Dreiteiler ist ein Projekt des Filmemachers Tilmann Bünz, der nicht nur die Flora und Fauna des Nordens visuell in die deutschen Wohnzimmer bringen wollte. Es geht ihm vor allem um die Menschen, die an entlegenen und einsamen Orten und dennoch nicht in unbewohnbaren Gegenden Skandinaviens leben.

Der Teil über Lappland und im weiteren Sinne das Siedlungsgebiet der Samen wird am 26.03.14 ausgestrahlt. Die Besucher des Werkstattgesprächs bekamen aber schon am Dienstag einen kleinen Vorgeschmack. So lernt man beispielsweise Ellen kennen, die auf Litløy, einer Insel weit außerhalb des norwegischen Festlandes wohnt. Eigentlich lebt sie dort alleine auf ihrem Leuchtturm. Eigentlich. Denn Ellen hat viele Helfer, die ihr während des harten Winters und arbeitsreichen Sommers zur Hand gehen. Auch den Wintermarkt von Jokkmokk (Jokkmokks Vintermarknad) lernt man in diesem Film kennen. Er besteht seit mehreren hundert Jahren und ist Anziehungspunkt für Menschen aus vielen Teilen der Welt. Was Bünz mit seinem Film aber eben auch zeigen möchte, ist die andere Seite der Medaille (evtl: die dunklere Seite des Paradieses). Eine Demonstration auf dem Vintermarknad bringt den Zuschauer zu aktuellen Problemen der Samen in Nordschweden. Tradition und Gegenwartsproblematik liegen plötzlich eng beieinander.

Aufgeworfene Fragen zur aktuellen Situation für Minderheiten in Schwedisch Lappland und der Lausitz bildeten den Anfang einer Diskussionsrunde mit dem Filmemacher und dem zweiten Podiumsgast Dr. Fabian Jacobs, der sich am Sorbischen Institut in Bautzen mit vergleichender Minderheitenforschung beschäftigt. FOR:N-Mitglied Dr. Tobias Etzold leitete die Gesprächsrunde, an der auch die Gäste der Veranstaltung rege teilnahmen und teilweise sehr emotional und mit persönlichen Erfahrungen Stellungnahmen.

Während einer gut einstündigen Diskussion wurde deutlich, dass der Bergbau nicht nur ein Problem für die Umwelt ist, sondern auch die Samen in ihrer uralten Tradition einschränkt, der Rentierzucht, die einen wichtigen Teil ihrer Kultur darstellt. Sie kennt keine Landesgrenzen, denn Sápmi, das Siedlungsgebiet der Samen reicht im Süden bis nach Røros in Ostnorwegen, beginnt an der Westküste ungefähr bei Trondheim, erstreckt sich dann die gesamte norwegische Küste entlang über Narvik und Lofoten (wo Teile des Films entstanden), Tromsø und Kirkenes bis zur russischen Grenze. Auf russischem Territorium umfasst es den Nordteil der Kolahalbinsel mit Murmansk. Die existierenden und geplanten Gruben zerstören die einzigartige Natur, die dadurch ihr Gesicht verändert. Diese Entwicklung haben schon viele sorbische Bewohner in ihrer Heimatregion erfahren. Dorumsiedlungen durch den Tagebau haben die Umgebung verändert, können jedoch auch positive Nebenwirkungen haben. Fabian Jacobs spielt dabei auf die Beziehungsnetze untereinander an. Die Kontakte werden beibehalten oder gestärkt und so verliert die Bevölkerungsgruppe nicht ihren Zusammenhalt. Ein weiteres Problem, welches in der Diskussion auch von Zuschauern gesehen wird: Was wird nach der Förderung aus der Region? Man kann die Natur nicht einfach sich selbst überlassen, nachdem sie verwundet wurde. Oft ist es den ausländischen Firmen egal und sie verschwinden nach der Förderung wieder.

Der Abend zeigte allen Beteiligten, dass die Bedürfnisse indigener Völker oft von den Regierungen nicht anerkannt werden und selbst so festgesetzte Rechte, wie der Schutz des Eigentums, der im deutschen Grundgesetz verankert ist, aufgrund staatlicher und wirtschaftlicher Interessen ihre Wirkkraft verlieren können.

Ob Erzabbau in Schweden oder Braunkohlevorkommen in Brandenburg und Sachsen - die Förderung der Bodenschätze beginnt nicht am Tag des ersten Baggerschaufelns. Schon viel früher beginnt der Kampf der indigenen Völker, um ihren Lebensraum, um ihre Natur, für ihre Tiere und vor allem der Kampf für ihre Traditionen.

erstmals erschienen: http://www.kulturhusberlin.de/1129.html

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