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Humboldt-Universität zu Berlin    ·    Nordeuropa-Institut
Forschungsgruppe Nordeuropäische Politik e.V.
Research Group for Northern European Politics
Die Kinder der Besiegten zu Gast im Norden
Kinderverschickungen nach Schweden und Norwegen 1946 bis 1994


Stefan Gammelien


Sechs ‘Berlinkinder’, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Schweden oder Norwegen verschickt worden waren, und die norwegische Spezialpädagogin Dr. Eva Simonsen (Universität Oslo), die in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Publikationen zu den Schicksalen der sogenannten tyskerbarn (Deutschenkinder) hervorgetreten ist, trafen sich am 13. Juni 2006 im FOR:N-Kreis zum Ostseegespräch. Groß war die Neugier aufeinander, Anschriften wurden ausgetauscht und dem Wunsch Ausdruck gegeben, dieses Zusammenkommen möge nicht das letzte gewesen sein.
Die anwesenden ‘Berlinkinder’, fünf Frauen und ein Mann, berichteten anschaulich von ihren persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen während der Verschickungen nach Schweden und Norwegen sowie deren Auswirkungen bei ihrer Rückkehr nach Deutschland. Die Aufenthalte in Skandinavien wurden von den Betroffenen weit überwiegend als positiv beurteilt, anfängliche Schwierigkeiten konnten in der Regel rasch überwunden werden. Unisono wurde festgestellt, dass die Verschickungen das Leben der Kinder stark geprägt hatten.

Die sechs Betroffenen waren zum Zeitpunkt ihrer ersten Verschickung zwischen 1952 und 1967 zwischen zweieinhalb und dreizehn Jahre alt. Viele wurden mehrfach verschickt, manche reisten in der Folge jedes Jahr nach Schweden oder Norwegen. Die Kinder lebten bei schwedischen oder norwegischen Gastfamilien. Einige Gasteltern waren kinderlos, andere hatten bereits bis zu zwölf eigene Kinder. Viele gehörten Glaubensgemeinschaften wie der Pfingstgemeinde, der Inneren Mission oder den Zeugen Jehovas an, andere waren Sozialdemokraten. Da die Gasteltern nur selten deutsche Sprachkenntnisse besaßen, waren die Kinder darauf angewiesen, sich auf schwedisch oder norwegisch zu verständigen. Die deutsche Sprache trat bei den Kindern während ihrer zumeist zwei- bis dreimonatigen Aufenthalte folglich in den Hintergrund, so dass die leiblichen Eltern zu ihrer Bestürzung die eigenen Kinder nach deren Rückkehr anfangs nicht verstehen konnten. Viele der Kinder haben ihre skandinavischen Sprachkenntnisse bewahren können, manche haben sie sogar ausgebaut. In der Regel ist eine starke Bindung zu den schwedischen oder norwegischen Gastfamilien erhalten geblieben.

Initiiert und betrieben worden waren die Kinderverschickungen von verschiedenen Organisationen in Schweden, Norwegen und Deutschland sowie von privater Seite. Federführend war das Rote Kreuz, aber auch kirchliche Gruppierungen, die schwedische Kinderhilfsorganisation Rädda Barnen (Rettet die Kinder), sowie deutsche Sozialdemokraten, die während des Zweiten Weltkriegs ins skandinavische Exil geflohen waren - zu nennen ist hier insbesondere Willy Brandt -, waren in großem Umfang beteiligt. Allein die schwedische Privatinitiative Berlinbarnhjälpen (Berlinkinderhilfe) rekrutierte von 1956 bis 1993 50.000 Einladungen schwedischer Gasteltern für Berliner Kinder.

Ging es bis Mitte der 1950er Jahre vor allem darum, die Kinder mit Nahrungsmitteln, Kleidung und frischer Landluft wieder ‘aufzupäppeln’ und ihnen eine Zeit lang einen ruhigen und friedlichen Alltag zu bescheren, rückten später sozialpolitische Motive in den Vordergrund: ökonomisch schwache Familien, insbesondere alleinerziehende Mütter, sollten entlastet und den Kindern die Möglichkeit gegeben werden, ‘einmal rauszukommen’. Darüber hinaus sollten die Verschickungen deutscher Kinder der europäischen Verständigung und Versöhnung dienen. Dies zeigt, dass die Kinderverschickungen neben der humanitären auch eine politische Dimension besaßen. Mehrere zehntausend Berliner Kinder sind zwischen 1946 und 1993 nach Schweden und Norwegen verschickt worden. Erst nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten stellte der Berliner Senat die finanzielle Förderung der Kinderaufenthalte in Schweden und Norwegen im Jahre 1994 ein.

Die Kinderverschickungen waren auf der einen Seite Ausdruck der politischen Großwetterlage nach dem Zweiten Weltkrieg: Während in den ersten beiden Nachkriegsjahren gegen die Aufnahme deutscher Kriegskinder noch erhebliche Vorbehalte bestanden, sowohl in Schweden als auch in Norwegen, das von April 1940 bis Mai 1945 von deutschen Soldaten besetzt war, bildete der beginnende Ost-West-Gegensatz den eigentlichen Auftakt der Verschickungen. Die schwedische Öffentlichkeit war nunmehr zur Aufnahme deutscher Kinder in großem Umfang bereit. Die Berlin-Blockade 1948/49 und die Gründung der beiden deutschen Staaten beschleunigte die Aufnahmebereitschaft in Schweden und Norwegen. Der Flüchtlingsstrom aus der DDR nach Berlin (West) und in die Bundesrepublik sowie der Bau der Berliner Mauer 1961 taten ihr Übriges.
Auf der anderen Seite nutzten die Regierungen Schwedens und Norwegens die Kinderverschickungen, um sich nach dem Zweiten Weltkrieg als "humanitäre Großmächte" (Monika Janfelt) international zu profilieren. Dabei wurde in Norwegen allerdings mehrheitlich übersehen, dass zeitgleich sogenannte tyskerbarn (Deutschenkinder) - also in Norwegen lebende Kinder norwegischer Frauen und in Norwegen stationierter deutscher Besatzungssoldaten - als ‘Feindeskinder’ stigmatisiert und diskriminiert wurden, wie Frau Dr. Simonsen berichtete. Die norwegische Gesellschaft hat sich diesem höchst problematischen Teil ihrer jüngeren Vergangenheit erst in den letzten Jahren gestellt; mittlerweile ist eine Entschädigungslösung gefunden worden. Von offizieller schwedischer Seite wurde die Aufnahme von ganz überwiegend deutschen Kinder wiederholt mit angeblich vorhandenen Deutschkenntnissen der schwedischen Gasteltern begründet. Kinder anderer Nationalität wurden, obwohl in Europa nicht nur Kinder deutscher Herkunft nach dem Zweiten Weltkrieg Not litten, in kaum nennenswerten Umfang aufgenommen.



Literaturtipps:

Janfelt, Monika: Stormakter i människokärlek. Svensk och dansk krigsbarnshjälp 1917-1924. Akademis; Åbo 1998. 270 Seiten, schwedisch. Über Kinderverschickungen nach Dänemark und Schweden nach dem Ersten Weltkrieg und deren politische Seiten; mit einer Reihe von Einzelschicksalen.
Lindner, Jörg: Den svenska Tysklandshjälpen 1945-1954. Acta Universitas Umensis; Umeå 1988. 248 Seiten, schwedisch. Über Kinderspeisungen, Kinderverschickungen und Demokratieerziehung; enthält keine Schicksale einzelner Kinder.
Nyseter, Tor; Valen-Sendstad, Axel (Hg): Forsoningens bru. Brücke der Versöhnung. Vest-Berlins flyktningebarn kommer til Norge. Die Flüchtlingskinder aus West-Berlin kommen nach Norwegen. T. Nyseter; Nesodden 1986. 95 Seiten, norwegisch und deutsch. Inklusive Presseartikeln und vielen Familienfotos.

Zu den sogenannten tyskerbarn (Deutschenkinder):

Ellingsen, Dag: Krigsbarns levekår. En registerbasert undersøkelse. Statistisk sentralbyr;å Oslo 2004. 51 Seiten, norwegisch. Aussagen über die Lebensverhältnisse der sog. Deutschenkinder als Gruppe auf der Basis statistisch erhobener Daten.
Ericsson, Kjersti; Simonsen, Eva: Krigsbarn i fredstid. Universitetsforlaget, Oslo 2005. 240 Seiten, norwegisch. Buch über die persönlichen Erfahrungen der sog. ‘Deutschenkinder’ im Nachkriegs-Norwegen bis heute.
Ericsson, Kjersti; Simonsen, Eva (Hg): Children of World War II. The hidden enemy legacy. Berg; Oxford, New York 2005. 296 Seiten, englisch. Sammelband mit 15 Artikeln, vom Lebensborn in Norwegen bis hin zu verschickten Kriegskindern in Böhmen, Spanien usw.
Olsen, Kåre: Vater Deutscher. Das Schicksal der norwegischen Lebensbornkinder und ihrer Mütter von 1940 bis heute. Campus Verlag; Frankfurt am Main 2002. 398 Seiten. Originaltitel: Krigens barn. De norske krigsbarna og deres m&qslash;dre. Forum Aschehoug; Oslo 1998. 473 Seiten.

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